WingTsun, „Schöner Frühling“ – die Geschichte einer faszinierenden Kampfkunst
Kaum eine andere Entstehungsgeschichte zieht die Kampfkünstler so in den Bann wie die des WingTsun- Kung-Fu. Kein Wunder, ist diese Kampfkunst doch einige von ganz wenigen, die ihre Ursprünge auf Frauen zurückführt. Dass die Erzählungen über die Stilbegründerin Ng Mui und ihrer Schülerin Yim Wing Tsun historischen Fakten entsprechen, ist seit langem durch intensive Nachforschungen v.a. von GGM Leung Ting widerlegt. Geschichtlich nachweisbare Personen und Ereignisse vermischen sich mit traditionellen Überlieferungen, politischer Agitation und asiatischem Symbolismus. Das mindert aber keineswegs die Faszination, die der Legende eigen ist und die Aussagekraft von Mythen hängt grundsätzlich nicht von ihrer historischen Authentizität ab
Was ist WingTsun?
WingTsun ist persönliche Weiterentwicklung
WingTsun wird in einer Gruppe trainiert, aber individuell. Die Fähigkeiten des einzelnen werden gefördert und ausgebaut.
WT ist gewaltfrei:
WingTsun-Lehrer sind gegen jede Form von Gewalt. WingTsun ist reine Selbstverteidigung.
WT macht Spass:
WT-Lehrer geben ihr Wissen in einer partnerschaftlichen und entspannten Atmosphäre weiter.
WT ist intensiv und vielfältig:
Die Verteidigungsfähigkeit ist durch konzentriertes und regelmäßiges Training zu erlernen.
Im Mittelpunkt steht eine einmalige und facettenreiche Technik, die nur durch konzentriertes Üben und bewusstes Sich-Einlassen erlernt werden kann. Fließende Bewegungen und plötzliche Schnelligkeit gehen in einem systematischen und koordinierten Bewegungsablauf ineinander über: Sie verschmelzen zu einer neuen und kraftvollen Einheit. Das systematische Erlernen von WingTsun steigert die körperliche und geistige Flexibilität und fördert die Wahrnehmungsfähigkeit. Den Weg dahin ergänzen gezielte Entspannungs- und Konzentrationstechniken sowie Atemübungen, die den Körper wieder „auftanken“.
WingTsun baut auf dem vorhandenen Potential der Schüler auf. Nicht Muskelkraft und Kondition sind die Voraussetzungen für WingTsun, sondern die Bereitschaft, sich auf seinen Körper einzulassen, seine Stärken kennenzulernen und zu nutzen. Das Erlernen eines koordinierten und gesunden Bewegungsablaufs sowie eine geschärfte Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt des Trainings.
Wer WingTsun lernt, entwickelt ein neues Körperverständnis und ein neues Selbstbewusstsein. Durch intensives Training erhalten die Schüler mehr Sicherheit, sie werden sich ihrer selbst und ihrer Möglichkeiten bewusst.
Allein dieses neuerarbeitete Selbstbewusstsein und das körperliche Bei-sich-Sein führt zu einem neuen Lebensgefühl. Persönliche Einschränkungen spielen im Alltag keine grosse Rolle mehr. Das Leben ist vielseitiger und lebendiger. WingTsunler verlassen die „Opferrolle“ und kommen schon deshalb seltener in gefährliche Situationen.
Und wenn es doch dazu kommt, verfügen sie über eine effektive, waffenlose Technik. WingTsun ist konsequente Selbstverteidigung. WingTsun nimmt die Kraft des Angreifers auf, lenkt sie in seine eigene Kraft um, verstärkt sie und richtet sie gezielt gegen den Angreifer.
Dieser Ablauf gleicht dem Schachspiel. Der Schachspieler ist eins mit seinen Figuren und kennt instinktiv seinen nächsten Zug, weil er das Handeln seines Gegenübers im Vorfeld durchdacht hat. So auch der WingTsunler: In Aktion setzt er seine Reflexe unmittelbar ein.
Stellungnahme eines 4. Dan Ju-Jutsu zum Leung Ting-System des WT
Erstmals wurde ich durch Fachzeitschriften auf das WT- System aufmerksam. Nachdem ich einige von Leung Ting und Keith Kernspecht verfasste Bücher über das WT gelesen hatte, besuchte ich WT- Einführungslehrgänge.
Der WT- Unterricht unterscheidet sich deutlich von den anderen asiatischen Kampfstilen, die ich bisher kennen lernte. 1970 begann ich mit Judo (4 Jahre), später trainierte ich auch Karate (4 Jahre), Aikido (1 Jahr) und Ju-Jutsu (14 Jahre), bei dem ich bis heute geblieben bin.
In den mir bekannten Stilen bildet die Grundschule eine Art Rucksack, den man immer mit sich herumschleppt, dessen Inhalt man teilweise später nicht mehr braucht. Beobachtet man z.B. Wettkämpfe, so schrumpfen die oft umfangreichen Grundtechniken auf ein Minimum. Zum Teil, weil das Regelwerk diese oder jene Technik verbietet, aber auch, weil einige Techniken nicht praktikabel sind.
Bei der persönlichen Selbstverteidigung stören diese Regeln nicht mehr, dennoch sollte man rechtzeitig darüber nachdenken, welche Techniken eine erfolgreiche Verteidigung ermöglichen.
Nach einem knappen Jahr WT- Training warte ich immer noch auf die erste Technik, die ich vergessen kann, weil ich sie später nicht mehr brauche!
Seit über zehn Jahren bin ich als Ju-Jutsu- Trainer bemüht, meinen Schülerinnen und Schülern eine wirksame Selbstverteidigung an die Hand zu geben. Das heißt für mich, sich auch gegen einen körperlich überlegenen Gegner durchsetzen zu können.
Um diesem Anspruch zu genügen, war es nötig, die Methode und auch die einzelne Verteidigungskombination vom Ballast zu befreien.
Nachdem ich die Grundzüge des WT kennen gelernt hatte, wurde mir einiges klar: Da war das Gleichzeitigkeits- Prinzip von Abwehr und Angriff, hierdurch gewinnt der Verteidiger Zeit, die dem Angreifer bei weiteren Aktionen fehlt. Automatisch erhöht sich die Eigensicherung. Im WT sind Abwehr- und Angriffsbewegungen auf ein Mindestmaß beschränkt, es werden nur direkte Wege gegangen, wieder wird kostbare Zeit gespart. Es gibt keine Pausen zwischen den einzelnen Techniken, der Angreifer sieht sich einem Fluss von Abwehr- und Angriffshandlungen gegenübergestellt, die oftmals auch noch gleichzeitig erfolgen.
Durch diese neuen Erkenntnisse veränderte sich meine Selbstverteidigung in den nächsten Jahren. Damit konnte ich zwar nicht den Ballast ablegen, den man auch in vielen anderen Stile immer noch mitschleppt, um der Prüfungsordnung gerecht zu werden, der Selbstverteidigungswert war jedoch erheblich gestiegen.
Aufgrund der gerade beschriebenen Eigenschaften stellt das LeungTing- System eine hochwirksame Selbstverteidigung dar. Schon in der Grundschule wird auf jeden Schnörkel verzichtet. Darüber hinaus ermöglichen die eingesetzten Kurzwegtechniken eine optimale Verteidigung auf engstem Raum. Erstaunlich für den Außenstehenden ist, dass die Handtechniken auf wenigen Zentimetern ähnlich hohe kinetische Energie freisetzen wie z.B. der konventionelle Fauststoß.
Durch die besondere Form des Partnertrainings entwickelt sich nach einer gewissen Zeit ein Körpergefühl für Abwehr und Angriff, wodurch alle Bewegungen auf der Basis von Reflexen erfolgen. Das bedeutet, Verteidigung und Angriff werden ohne langes Überlegen ausgeführt.
Die Frage nach meinen Schwierigkeiten beim Erlernen des WT möchte ich stichwortartig beantworten:
Am Anfang war der Stand ungewohnt. Später kam der Angriffsschritt mit dem rückwärtig betonten Schwerpunkt hinzu.
Der sichere, feste Stand ist für mich noch ein Fernziel. Besonders übungsbedürftig ist das anders gelagerte Timing (erst Stoss, dann Schritt)
Es ist nicht immer leicht, gesehene Bewegungen in eigene umzusetzen, geschweige denn, sich eine Bewegungslogik einzupflanzen.
Und dann ist da natürlich die eigene Kraft, die spätestens dann im Wege ist, wenn es mal etwas schneller wird.
Ganz neu ist für mich die absolute Präzision der Bewegungen, die die hohe Effektivität ermöglicht. Hier gilt es immer wieder, die eingeschliffenen Bewegungsmuster auszumerzen.
Wer sich ernsthaft für Selbstverteidigung interessiert, sollte das WingTsun kennen lernen.
Ich bedanke mich für das Interesse an meinen Erfahrungen mit dem WT und verbleibe mit freundlichen Grüßen ganz besonders auch an Sigung LeungTing!
Joachim Albrecht
4. Dan Ju-Jutsu
Sachbearbeiter für Schulung und Technik in Niedersachsen
SELBSTVERVOLLKOMMNUNG
Die 3., die höchste und wertvollste Ebene
Diese Ebene ist idealer Weise die Ebene der Meister bzw. Großmeister. Die höchste Lehre hat nichts damit zu tun, wie stark unser Fauststoß ist (körperliche Ebene), auch nicht damit, wie erfolgreich wir im Geschäft, beim anderen Geschlecht, also in der Außenwelt sind. „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“
Bei der 3. Ebene geht es um unsere Essenz, um unser wahres Leben, um unser Innenleben. Hier gilt es, nicht andere, sondern sich selbst (Neid, Hass, Frust, Selbstmitleid, Angst, verletzter Gerechtigkeitssinn, schlechte Gewohnheiten usw.) zu besiegen.
Indem wir den Weg der individuellen psychologischen Evolution beschreiten und uns z.B. von falschem Denken, von mechanischen körperlichen und geistigen Haltungen befreien, wollen wir uns in einen neuen, besseren und friedfertigen Menschen verwandeln. Nachdem wir entsprechend an uns gearbeitet haben, wird die Welt für unsere Nächsten eine bessere sein.
Ursprünglich arbeitete der WT- Anwender auf allen diesen drei Ebenen gleichzeitig an sich, als WingTsun aber an einfachere Menschen unterrichtet wurde, die nur das Körperliche verstehen konnten, fand eine Aufteilung in die drei verschiedenen Ebenen des Lernens statt. Die meisten Schulen, auch in Asien, kennen nur noch die körperliche Ebene und sind nie mit den anderen beiden in Berührung gekommen, zum Teil leugnen sie sogar ihre Existenz.
Tatsächlich durchziehen dieselben Mottos und Verhaltensformeln auf geniale Weise alle drei Ebenen, wobei sie besonders in ihrer höchsten Ebene den größten und langhaltigen Nutzen bringen.
Kripo-Beamte des Mobilen Einsatzkommandos nach einem
WT- Halbjahreslehrgang
Gerne bestätige ich Ihnen, dass Sie uns in einem Halbjahreslehrgang mit WT vertraut gemacht haben.
Alle sechs Beamten aus unserer Gruppe sind von der Überlegenheit des WT gegenüber anderen Selbstverteidigungs-Methoden überzeugt.
Darüber hinaus führte Ihr Training zu einem ausgezeichneten körperlichen Wohlbefinden und positiven Einstellungen.
Hans Schäfer
Kriminalhauptkommissar
Mobiles Einsatzkommando VI
Gruppe 17
Ist WingTsun nur für die Telefonzelle gut?
Die meisten Kampfsportler glauben, WT sei nur gut für den Nahkampf. Sie denken, wir können NUR in der Telefonzelle kämpfen. Auch viele WC-, VT- oder sogar nicht so gut informierte WT- Leute vertreten diese falsche Meinung. Aber sie täuschen sich. So glaubte auch kein Geringerer als Bruce Lee, ursprünglich Schüler des verstorbenen Great Grandmasters Yip Man, dass er zusätzlich Fusstritte anderer Stile ausleihen müsse, um auf Entfernung bestehen zu können.
Aber denken wir doch einmal logisch: Wenn der Gegner mit uns kämpfen will, dann muss er ja an uns rankommen, und wenn er dicht genug an uns dran ist, um uns zu treffen, dann können wir ihn auch treffen.
Das Problem liegt nur darin, dass eine spezielle WT- Fußarbeit (oft, aber fälschlich als eine der Geheimtechniken des WT- bezeichnet) nötig ist, um mit einem beweglichen, sich um uns herummanövrierenden Angreifer fertig zu werden. Wenn man als WingTsun- Mann aber unbeweglich stehend wartet, dann riskiert man getroffen zu werden.
Ich spreche hier jetzt nicht vom ritualisierten Kampf, wo der Aggressivling sich schon dicht an uns „herangeredet“ hat und wir schon Körper an Körper mit ihm stehen und nicht klar ist, ob er überhaupt handgreiflich werden wird. Für diese Situation habe ich die „BlitzDefence- Strategie“ geschaffen. Die ist hier nicht das Thema.
Hier spreche ich über eine Auseinandersetzung, die ganz sicherlich körperlich wird und sich durch ein Gespräch nicht de-eskalieren lassen wird. Es mag sich um eine Herausforderung oder um einen sportlichen Vergleich handeln.
Für den Fall, dass sich der Beginn des Kampfes in der Distanz abzeichnet, d.h. wenn der Gegner noch weiter von uns entfernt ist, ist es besser (besonders für Fortgeschrittene), den sog. neutralen Siu Nim Tau-Stand, den Yee Chi Kim Yeung Ma, einzunehmen. Auf diese Weise sind wir unberechenbarer und unsere Aktionen sind nicht aufgrund nötiger Gewichtsverlagerungen vorherzusehen.
Mit einem Fuß vorne wären wir
1. ausrechenbar und in unserer Handlung aufgrund der Gewichtsverlagerung limitiert,
2. wäre das Knie unseres vorderen Beines exponiert und den Angriffen des Gegners z.B. durch einen Side- Kick ausgesetzt, ohne dass der Gegner zu dicht an uns rankommen muss, um uns zu treffen.
Wenn wir aber den neutralen Stand benutzen, zwingen wir dadurch den Angreifer, sehr dicht an uns ranzukommen, so dass er in unsere Reichweite kommen muss, um uns gefährlich werden zu können.
Im WingTsun benutzen wir die sog. „pressenden“ (pressing) oder „Verfolgungs-“(chasing) Schritte in Verbindung mit dem sog. „Nase zu Nase-Prinzip“ (nose to nose principle), um den Gegner ständig unter Druck zu setzen (Bik-Bo-Tip-Da), so dass er nicht zur Ruhe kommt und seinen Angriff nicht neu organisieren kann.
Wenn der Gegner dichter rankommt, dann muss der WT-Kämpfer ihm – ohne jede Verzögerung – in der richtigen Distanz entgegenkommen, dass er keinen Platz hat, seine Techniken zu entwickeln und sein Gleichgewicht verliert. Das Entgegengehen ist von vitaler Bedeutung, wer stehen bleibt, darf sich nicht wundern, wenn er vom Fußtritt getroffen wird.
In diesem Zusammenhang sprechen wir vom „Magnet-Prinzip“, dem zu Folge wir uns in der kritischen Entfernung, wie durch magnetische Kraft angezogen, auf den Gegner losgehen. Natürlich immer unter Wahrung des emotionalen und körperlichen Gleichgewichtes.
Übrigens: Bei der Verfolgung soll man den vorderen Fuß auch möglichst nicht wechseln.
Merke:
Bitte versteht mich nicht falsch. Ihr dürft unter keinen Umständen breitbeinig stehen bleiben, wenn der Gegner so dicht rangekommen ist, dass er euch zwischen die Beine treten kann. Dies ist das große Missverständnis auch unter fortgeschrittenen WT- Leuten. Der Gegner darf euch nie mit gespreizten Beinen antreffen. Aus diesem Grunde sehen wir es in der EWTO zunächst lieber, im Interesse der Sicherheit des Schülers, dass er in den ersten Monaten entgegen dieser absolut richtigen Erkenntnis zusätzlich mit einem (entlasteten) Fuß vorne den Vor-Kampfstand übt. Denn die Erfahrung hat leider erwiesen, dass Anfänger, gelähmt von Angst, oft wie „sitting ducks“ unbeweglich auf den Angreifer warten und dann vom ersten Tritt zwischen die Beine getroffen werden. Dies ist auch einer der Gründe, der zum simplifizierten BlitzDefence- Programm des WingTsun führte, das ich speziell auf den ritualisierten Territorial- Verteidigungskampf abgestimmt habe, der mit Gucken und aggressiv Sprechen beginnt und dann schon in der Nahdistanz körperlich wird. Von dieser speziellen Situation, die in der Nahdistanz beginnt, soll hier aber nicht die Rede sein. Bei meinen obigen Ausführungen ging es um die sog. Herausforderungs- oder die Vergleichskampf-Situation. Nur für die Bedrohung durch den unmittelbar vor uns stehenden Aggressor, wo nicht sicher ist, ob es überhaupt zum Angriff durch den anderen kommt, gilt mein Rat, von Anbeginn einen Fuß vorne zu haben. Dies ist aber kein Widerspruch zur goldenen Regel, dass die klassische Vorkampf-Position der neutrale Stand sein soll und dass der neutrale Stand die ideale Ausgangsposition für den Herausforderungs- oder Vergleichskampf ist, der aus größerer Distanz beginnt.
Dim Dim Ching? Jeder Punkt klar?
Euer
Si-Fu/Si-Gung
Experten über WingTsun
Auf den nächsten Seiten äußern anerkannte Meister und Ausbilder der verschiedenen orientalischen und okzidentalischen Kampfsportarten ihre Meinung zum praktischen Selbstverteidigungswert ihrer Kampfkünste. Manchem mag das aufdringlich erscheinen, wo es nur eindringlich sein und das Bewusstsein verändern soll.
So wie seinerzeit die Einführung von Vollkontakt-Wettkämpfen vielen Budoka ihre gefährlichen Illusionen von der tödlichen Technik raubte, so soll dieser Text seinen bescheidenen Beitrag dazu leisten, den asiatischen Selbstverteidigungskünsten zu einer ehrlicheren und realistischeren Einschätzung zu verhelfen.
Verblüffend mag es für manche sein, dass manche Experten den Selbstverteidigungswert von westlichem Ringen und Boxen höher einstufen als den der herkömmlichen asiatischen Stile. Wir Europäer dürfen mit Recht stolz sein auf unsere Box-, Ring-, Tret- und Waffenkampfkunst.
Und wir alle müssen uns klar darüber sein, dass das beste System so schlecht ist, wie der Mann, der es vertritt. Schon 1975 schrieb GM Keith R. Kernspecht in WingTsun Kung Fu: "Im Kampf treten nicht Stile gegeneinander an, sondern Menschen."
Der Kampfgeist ist die letzte unbekannte Grösse, die oft ausschlaggebendere Bedeutung hat als alle anderen genannten Faktoren.
Wir danken allen Experten für ihre uns freundlicherweise zur Veröffentlichung zugesandten Stellungsnahmen und Gutachten. Mögen wir nicht immer ihrer Meinung sein, so können uns ihre Erfahrungen und Ansichten doch manchen Denkanstoss geben.
Ein Richter praktiziert WT
Ich war 42 Jahre alt und hatte nie eine Kampfsportart betrieben, als ich WT durch Herrn Leinenbach im Rahmen einer Informationsveranstaltung am Landgericht Saarbrücken kennen lernte.
Was mich vom WT überzeugt hat, ist folgendes:
WT vermittelt Techniken, die es auch einem sportlich Ungeübten ermöglichen, sich gegen Angriffe körperlich überlegener Personen zu verteidigen oder zumindest Zeit zur Flucht zu gewinnen
diese Fähigkeit kann man bereits nach kurzer Zeit ohne intensives Training erwerben
WT lehrt, wie man ohne Panik auf plötzliche Angriffe reagieren kann
Ich bin sicher, dass es z.B. heute niemand mehr gelingen würde, mich zu erwürgen, und dass dies bei jedem so wäre, der sich – wenn auch nur 2 Stunden – mit WT beschäftigt hat
das System ist für körperlich schwache Menschen, insbesondere auch für Frauen, hervorragend geeignet.
Ich betreibe WT weiter und habe inzwischen den ersten Schülergrad.
Ulrich Chudoba
Richter am Landgericht
Aller guten Dinge sind drei!
Selbstverteidigung buchstabiert man WT – heißt der alte von mir erfundene Slogan, und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn jemand, der von WingTsun hört, zunächst nur an eine Schutzmethode gegen körperliche Angriffe denkt.
Hier geht es uns wie dem indischen Yoga, das in der Öffentlichkeit auch auf seine körperliche, also seine sichtbare, spektakuläre Seite beschränkt wird.
Aber während zumindest die Eingeweihteren wissen, dass es neben dem Hatha-Yoga, das Kontrolle über den Körper lehrt, auch noch andere, höhere Aspekte des Yoga gibt, ist wohl nur sehr, sehr wenigen Wing Tsun-Meistern bekannt, dass weitere, viel tiefer gehende, innere Lehren des WingTsun existieren. Wenn ich innere schreibe, dann meine ich damit höhere. Das Wort esoterisch, was ursprünglich dasselbe bedeutet, vermeide ich, da es inzwischen zu abgegriffen klingt und von vielen missbraucht wurde und wird.
Um welche Disziplinen und Lehren es sich beim inneren WingTsun handelt, welche Aufgaben sie im einzelnen haben, wie sie strukturiert sind und wie man sie unterrichtet, das ist wohl ein größeres Geheimnis als Langstock und Doppelmesser zusammen!
Tatsächlich ist die körperliche Selbstverteidigung nur die erste und niedrigste Stufe im WingTsun, aber sie ist die augenfälligste und für Nichteingeweihte am leichtesten nachzuvollziehen. Dabei ist der effiziente Kampf nur ein Vehikel, ein Mittel zum Zweck. Ökonomie der Bewegung soll erzielt werden, denn wie immer im Taoismus geht es um Energie, um Einsparen und letztlich Erzeugen von Energie. Energie, die man dringend benötigt, um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.
Die Situation des Kampfes mit ihren Emotionen, nicht zuletzt mit der Angst, bringt aufgrund des gleichzeitigen Einsatzes aller drei Hirne oder Zentren die optimale Voraussetzung zu einer Transformation bzw. Veränderung.
Ohne Veränderung, ohne Anpassung an die Gegebenheiten stirbt man äußerlich und innerlich. Die meisten Menschen werden zuerst im Denken und Empfinden starr und sterben innerlich zuerst. Das einzig Beständige im WingTsun ist aber der Wandel, und letztlich ist das Ziel unsere eigene Veränderung, unsere individuelle Evolution zu einem neuen Menschen, der sich frei macht von eigenen und fremden fesselnden Kräften.
Und wie immer im WT geht es um Gleichzeitigkeit, und zwar um dreifache Gleichzeitigkeit. Der schwerste Kampf ist nicht der Kampf mit dem anderen, sondern der Kampf mit sich selbst, mit seinem Ego, seinen Trieben, seinen Wünschen usw.
Im WT benutzen wir dreifache Gleichzeitigkeit, um uns selbst anzugreifen und zu besiegen. Unser Dreiecks-Symbol habe ich nicht von ungefähr gewählt. Im WT machen wir nicht nur drei Fauststöße am Schluss, im WT sind aller guten Dinge drei: drei Formen; der dreigeteilte Aufbau Form, Chi-Sao, Lat-Sao; die Triade der drei Kräfte, die zu jeder Aktion nötig sind. Wir wissen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern viele Schattierungen dazwischen. Und wir wissen, dass es nicht Hass ODER Liebe heißen kann, sondern dass es auch Hass UND Liebe gibt: Hassliebe. Das überzeugendste Beispiel für das ständige Vorhandensein eines Dritten ist die Welt selbst: Ist alles ganz zufällig oder bis ins Kleinste geordnet? Ist das Universum Chaos oder Kosmos? Maßgebliche Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass in der Mitte zwischen Ordnung und Unordnung ein Drittes sein muss, das sie Komplexität nennen (ich danke meinem Schüler Herbert Kühn für einen entsprechenden Buchhinweis!). Die Erkenntnis, dass die Welt nicht wirklich aus Gegensätzen besteht, verhilft zu größerer Toleranz und innerer Ruhe. Um dieses Thema geht es auch in meinen TR4-Dschun Yung-Seminaren. Wenige wissen, dass es sich hierbei um die Lieblingsphilosophie GGM Yip Mans handelt. Um mit Großmeister Yip Man zu sprechen, gibt es ein Drittes, das in der Mitte zwischen zu viel Ordnung und zu wenig Ordnung liegt. Dieses Mittlere, Versöhnende, Vermittelnde ist aber sehr schwer zu erkennen, weil unsere Augen, wie sie sind, zu langsam sind, es wahrzunehmen.
GGM Leung Ting macht die Lehre von den drei Kräften an einem dreibeinigen Hocker fest, der auf zwei Beinen nicht und auf vieren schlechter stehen würde. Ich erkläre es gerne mit einem Pendel: Wir sehen die Extreme, die Endpositionen der Ausschläge nach links und rechts. Aber um die mittlere Position des Pendels zu erkennen, sind unsere Augen zu langsam bzw. das Pendel zu schnell. Die hypnotische Macht des Lebens und ihrer Ereignisse lässt uns aber nur die Extreme sehen und für die Wirklichkeit halten. Die Wirklichkeit ist aber die Mitte, der mittlere Weg, den wir, mit Konfuzius, nicht verlassen dürfen. Diese geistige, innere Zentrallinie des WingTsun können wir nur finden mit der richtigen Anleitung. Dann erst lernen wir, den Ausschlag unseres Pendels kürzer zu gestalten und die Mitte zu finden und zu bewahren.
Das Wissen um die Trinität der Kräfte teilt sich WT mit allen Weisheitslehren, die am Ende, wenn sie denn auf Wahrheit beruhen, im tiefsten Grunde dasselbe aussagen. So spricht man im Hinduismus von den drei Gunas und im Christentum spricht man in anderem Zusammenhang von der Trinität Gottvater, Sohn und dem Heiligen Geist. Aller guten Dinge sind drei, das ist tiefes Wissen in jedem Volk, nicht nur im deutschen. Das arabische Wort für Ein-heit (ahad), das seinen Gläubigen nach Allah, dem Einen, gebührt, besteht im Arabischen aus drei Buchstaben AHD. So ist drei und eins Eines, d.h. dasselbe. Auf meinen Sifu-Seminaren werde ich auf solche Themen näher eingehen, hier reicht der Platz und das Vorwissen des einzelnen nicht.
Für heute muss es genügen, zu wissen, dass WingTsun viel mehr ist als nur seine niedrigste, körperliche Stufe. Auf drei verschiedenen Ebenen: über die Bewegung, über die Emotion und über den Intellekt arbeitet der Fortgeschrittene WTler täglich an sich. Das Element der Angst liefert dabei das willkommene und nötige Feuer, das unseren Fortschritt, unsere Veränderung, unsere Transformation irreversibel, also sicher und nicht wieder umkehrbar macht.
Der Meister, der nach „Beendigung“ der Holzpuppenform die erste Bekanntschaft mit seinem nächsten Studiengebiet, dem Langstock-Kampf, macht, meint am Anfang eines langen Weges immer, dass es sich um etwas ganz Anderes handelt, so als ob er eine völlig artfremde Kunst wie Ikebana oder Kendo lernt. Aber das Ungewohnte ist „nur“ die Bewegung, das Äußere. Das Wichtige sind stets die innewohnenden Prinzipien des WingTsun, die den Prinzipien des waffenlosen Kampfes entsprechen.
Die Theorie des WingTsun ist durchgängig, transzendierbar und immer anwendbar, sie ist tiefste Philosophie, klarste Logik und Wissenschaft zugleich. Losgelöst vom Körperlichen und von Emotionen ist sie nicht so leicht unterrichtbar und auch nicht so wirksam wie ein „Angriff“ auf allen drei Ebenen gleichzeitig. Deshalb ist eine Trennung von intellektueller, emotionaler und körperlicher Arbeit weniger effizient.
Freut euch und seid gespannt auf ein inneres WingTsun, das die euch aus der Körperarbeit bekannten WT-Prinzipien in faszinierender Weise weiterführt und euer Leben bereichern wird.
